Hotel Total Aachen: von Kunst, Kultur und einer Nacht in der Kirche

Hotel Total Aachen

Groß prangt der schwarz-weiße Banner „Hotel Total“ an der Fassade der ehemaligen Kirche St. Elisabeth (Jülicherstr. 72a, Aachen). Etwas irritierend, handelt es sich doch optisch um eine ganz normale Kirche. Aber der Schein trügt! Denn wer den Schritt durch die massiven Eingangstüren wagt, befindet sich mitten in einer Vision, die drei Aachenerinnen – Patricia Yasmine Graf, Julia Claire Graf & Anke Didier – vor einiger Zeit entwickelten und nun in die Tat umsetzten. Label: Einzigartig!

Das Hotel Total ist als Pop-Up Hotel das erste seiner Art in Aachen. Die Bezeichnung steht für ein Hotel, welches meist schon nach wenigen Wochen oder Monaten seine Pforten wieder schließt (und möglicherweise an einem anderen Ort wieder öffnet), denn die Zimmer können prinzipiell beliebig auf- und abgebaut werden. Nur noch bis (Ende) Oktober 2016 besteht die Möglichkeit das Hotel Total zu besuchen. Also nicht zu lange warten und schnell vorbeischauen!

Wie einzigartig die Gestaltung des Hotels in der Kirche ist, fällt gleich im Eingangsbereich auf. Hier dominiert optisch eine riesige Wurst. Ja, ja, schon richtig. Eine Wurst! Scheinbar völlig aus dem Konzept gerissen und daher doch irgendwie passend für dieses eh schon so spezielle Projekt ‚Hotel Total‘, prangt die riesige Plastikwurst direkt neben dem Eingang zum früheren Kirchenschiff, in welchem sich heute die Hotelzimmer, die sogenannten Kuben, befinden. Ich staune nicht schlecht: ein Knopfdruck und das Wurst-Ungetüm, welches aussieht wie eine liegengebliebene, abgeschnittene Salami, bewegt sich auch noch! Wer mag, darf sogar einen Ritt wagen.

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Aus dem Staunen komme ich nicht raus. In der Mitte des Kirchenschiffs befinden sich Tische und Sitzgelegenheiten aus Holzpaletten. Die Tische sind liebevoll mit kleinen Blümchen dekoriert. Rechts und links davon befinden sich die Kuben, welche von Designstudenten der Fachhochschule Aachen entworfen und von innen und außen jeweils mit ganz unterschiedlichen Themen ausgestaltet wurden. Sofern ein Kubus nicht gerade mit einem Übernachtungsgast belegt ist, besteht die Möglichkeit, einen Blick hinein zu werfen (ansonsten hilft aber auch, nett zu fragen). Alle Zimmer sind minimalistisch gestaltet, jedes für sich jedoch ein kleines Kunstprojekt. Es gibt den Kubus mit dem schwebenden Bett („Alles Gute kommt von oben“), den Outdoor-Kubus, in dem man unter einem Zeltdach übernachtet, den RaumHochZwei-Kubus, in dem sich alles um Raum, Dimensionen und Perspektiven dreht, den schwarz-weiß gehaltenen Film Noir-Kubus, in dem sich Schattenspiele zeigen und den Baumhaus-Kubus, in dem sich ein überdimensionales Blatt über das Bett wölbt.

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Am Ende der Kirche, dort, wo früher wohl der Altar stand, thront jetzt die „Gloria Bar“, an welcher nicht in Euro, sondern in TOTALern bezahlt wird, die an der Rezeption erworben werden können (1 Euro = 1 Totaler. Endlich mal eine einfache Währungsumrechnung! Danke!). Bei einem Gang durch die umgestaltete Kirche fallen weitere Details auf: Ein Himmelbett unter einer hängenden Dornenkrone, eine 70er Jahre Sitzecken-Atmosphäre neben einer Maria-Figur, Krankenhausbetten zum Sofa umfunktioniert oder aber der noch erhaltene frühere Beichtstuhl, der nun irgendwie fehl am Platze wirkt.p1080459_1p1080466_1p1080423_1p1080467_1

Übernachten im Hotel Total

Erst einmal vorweg: Nicht nur Übernachtungsgäste dürfen diese tolle Location genießen, sondern im Prinzip Jedermann, der Lust auf Gemeinschaft, auf Kunst, Kulturevents oder auch einfach auf ein Getränk oder einen Snack hat. Geöffnet ist das Hotel Total hierfür – bis auf wenige Ausnahmen – von donnerstags bis samstags von 11 bis 22 Uhr und sonntags von 11 bis 18 Uhr. Wer in dieser außergewöhnlichen Location lieber direkt übernachten möchte, meldet sich beim Hotel Total, gibt seinen Namen und den Übernachtungswunsch an und wartet auf einen kleinen Funken Glück. Denn weil das Hotel Total nur am Wochenende Übernachtungsgäste empfängt – jeweils von Freitag auf Samstag und von Samstag auf Sonntag – sind die Plätze rar, die Nachfrage gleichzeitig aber so groß, dass man sich für ein Losverfahren bei der Vergabe der Übernachtungen entschieden hat. Die Kosten für eine Übernachtung übrigens: 0 (in Worten: null) Euro!

Ich selbst habe nicht lange gezögert. Mein Name landete gleich im Lostopf. Und ich konnte mein Glück kaum fassen, als ich eine Email mit dem Betreff „Glücksfee TOTAL“ im meinem Postfach entdeckte. Das wird doch nicht…?! DOCH!! Ich hatte gewonnen! Eine Nacht für zwei im einzigartigsten Hotel, was Aachen je gesehen haben dürfte. Und das Beste: ich war mit Begleitung gleich für das Event des Abends eingeladen. Das „Holy Diner #1“. Ein Öcher Mädchen machte Luftsprünge.

Erst zum Check-in am Freitagnachmittag erfuhren wir, in welchem Kubus wir nächtigen durften. Das Baumhaus, unser Favorit! Wir schleppten unsere Tasche unter das riesige Blatt, das über dem Bett prangte und dessen Beleuchtung langsam aber beständig von einer Farbe zur nächsten wechselte. Und dann die nächste Überraschung! Neben Handtüchern und einer Wasserflasche lag auch ein Gutschein für 2,5 Stunden Wellnessbaden in den nur wenige hundert Meter entfernten Carolus Thermen auf dem Bett – falls man es etwas komfortabler wünscht, als die Duschcontainer seitlich neben dem Kirchengebäude. Wünschten wir! Aber nicht an diesem Tag, denn immerhin wartete noch ein Dinner in bester Gesellschaft auf uns.

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Ein kleiner Erlebnisbericht: Das „Holy Diner #1″…

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Freitagabend, 19 Uhr: Die Dinner-Gäste – insgesamt sollen es um die 35 sein – setzen sich langsam an die lange, rustikale Tischtafel. Auf dieser steht schon der erste Gang des Abends, daneben eine Karte mit dem Menü, das uns heute erwartet. Neugierig luge ich hinein und mache große Augen. Was ich da sehe, sind insgesamt acht geheimnisvoll und schmackhaft klingende Gerichte. Von einem Bloody Mary Gazpacho über pochierten Ochsen mit Oliventapenade und Risotto bis hin zum Kuhmilchkäse aus dem Perigord in Walnusslikör gewaschen mit Nussbrot.

Gegen 19:30 Uhr läutet eine Glocke und es geht los. Tatsächlich…Gang für Gang ein Gaumenschmaus! Ich mache es kurz: ich habe in Aachen noch nie so gut gegessen wie hier! Die Jungs von Mof Mof, die das Dinner zubereitet haben, haben wirklich fantastische Arbeit geleistet. Da dauert es natürlich nicht lang, bis der erste Gast fragt, ob sie ein Restaurant in Aachen betreiben würden und wo das denn sei. Da wolle man hin. Leider wird dies verneint, aber immerhin kann man bei den Jungs bestellen oder ihre leckeren Süppchen im Weckglas einfach an der Gloria Bar im Hotel Total genießen.

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Aber nicht nur das Essen an diesem Abend ist fantastisch, sondern auch die Gesellschaft. Da alle an einem langen Tisch sitzen, kommt man schnell ins Gespräch. Eine offene, gesellige und humorvolle Runde findet sich. Mit dabei die beiden Projekt-Initiatorinnen Julia und Patricia. Julia sitzt direkt neben mir und so habe ich das Glück, ein wenig mehr über das Projekt ‚Hotel Total‘ und dessen mögliche aber noch ungewisse Zukunft zu erfahren. Eines wird ganz deutlich, nicht nur bei Julia, sondern auch bei Patricia und Anke, die ich bereits bei vorherigen Besuchen im Hotel Total kurz habe antreffen können: sie glühen für ihr Projekt, in welchem ohne Zweifel eine Menge Herzblut steckt und sie sind (absolut zu Recht!) stolz darauf.

Der Abend vergeht wie im Fluge. Es wird gequatscht, gegessen, getrunken und gelacht. Erst gegen 1 Uhr gehen die ersten Gäste nach Hause und die Glücklichen mit Übernachtung zu ihren Zimmern. Auch wir schleppen uns mit vollen Bäuchen unter unser überdimensionales Blatt und driften irgendwann in einen kurzen, aber tiefen Schlaf ab.

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Gegen 9 Uhr morgens treffen alle Übernachtungsgäste – bis zu zwölf  – wieder an der Tischtafel mittig zwischen den Kuben ein. Ein bisschen steht die Müdigkeit allen noch ins Gesicht geschrieben, dennoch sind wir uns einig: es hat sich gelohnt! In ruhiger und fast vertrauter Atmosphäre schmatzen wir vor uns hin. Gegen 10 Uhr ist Check-out. Euphorisch und mit einem unvergesslichem Erlebnis im Gepäck verlassen wir das Hotel Total.

…und andere Events im Hotel Total

Neben dem „Holy Diner“, von dem es noch eine zweite Ausführung am 14. Oktober gibt, stehen bis Ende Oktober noch zahlreiche andere Events auf dem Kalender des Hotel Totals. Konzerte, Theater oder Kunstprojekte. Fashion, Essen oder Meet and Greet.

Das Kunst- und Sozialprojekt ‚Hotel Total‘

Dass es sich beim Hotel Total auch um eine Art Kunstinstallation handelt, erschließt sich schon nach wenigen Blicken in die Räumlichkeiten. Darüber hinaus gibt es einen Kultur-Kubus, der beispielsweise der Ausstellung aktueller Kunstprojekte oder der Vorführung von Filmen dient und über dem bis zum 17. September die Kunstinstallation „OCULUS“ von Daniel Rothbart schwebt.

Besonders toll und lobenswert finde ich jedoch, dass das Hotel Total eine Integrationsidee aufgreift und Flüchtlingen sowie Langzeitarbeitslosen die Möglichkeit bietet, mitzuarbeiten und so Erfahrungen im Hotel- und Gastronomiebereich zu sammeln.

Eine besondere Empfehlung zu Schluss – Die Hotel Total App

Übernachtet man in einem Hotel, so möchte man in der Regel auch die zugehörige Stadt erkunden. Hierfür bietet das Hotel Total eine eigene App an. Aber man muss kein Tourist sein, um von dieser App zu profitieren. Hier gibt es nicht nur Infos zum Projekt ‚Hotel Total‘, sondern auch einen City Guide mit Empfehlungen für die schönsten Aachener Cafés, Restaurants und Bars, für besondere Events, Tipps zu Shoppingerlebnissen, Vorschläge für Stadtteiltouren und mehr. „Wir wollen die Lust wecken, in Aachen einzutauchen und darauf die Stadt mit anderen Augen zu entdecken – ein bisschen wie durch eine rosa Brille.“, heißt es zu dieser App auf der Internetseite des Hotel Totals. „Mission Achieved“ würde ich sagen! Die App gibt es zum Download für iPhone und Android-Geräte.

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Ein paar persönliche Worte und ein DANKE!

Bei einer Unterhaltung mit Anke, einer der Initiatorinnen, meinte diese, dass es im Aachener Nordviertel eigentlich keine Möglichkeit gibt, auszugehen – und sei es nur, um sich auf eine Tasse Kaffee zu treffen. Und dass es an der Zeit sei, dies zu ändern und Aachen einfach auch ein bisschen cooler und aufregender zu machen. „Ja, ja, ja!“, denke ich in all diesen Punkten. Ein Ort zum gemütlichen Beisammensein, zum Kennenlernen, Austauschen und Erleben –  genau das fehlte hier im Viertel, zu dem ich selbst auch einen persönlichen Bezug habe.

Liebe Anke, liebe Patricia, liebe Julia – vielen Dank für diese einzigartige Idee, die sicherlich nicht nur Kreativität, sondern auch Beständigkeit, Mut und den Glauben an deren Umsetzung gefordert hat.

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